Seit der Erfindung des Außenspiegels hat dieser Autobestandteil kaum Veränderungen erfahren. Umso schwieriger dürfte es sein, komplett auf den Außenspiegel zu verzichten. Genau das wird jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit die Zukunft für die Fahrzeuggestaltung sein. Kameras und Bildschirme übernehmen stattdessen die Aufgabe – eine Technik, die bereits in vielen aktuell erhältlich Fahrzeugen enthalten ist.
Grund genug, sich einmal genauer mit den Vor- und Nachteilen des Autos ohne Außenspiegel zu befassen und ihr "Können" zu vergleichen. Denn sind wir mal ehrlich: Ein virtueller Außenspiegel ist trotz aller technischen Verbesserungen sehr gewöhnungsbedürftig, optisch ebenso wie im Fahralltag.
Der Ausreißer im dynamischen Fahrzeugverlauf – Rückspiegel und Kamera im Vergleich
Abbiegen, Spurwechsel, Einparken – den Blick in den Außenspiegel erfolgt ganz automatisch, zumindest bei routinierten Autofahrern. Eine sehr einfache, praktische Lösung, um den Straßenverkehr hinter dem Auto im Blick zu behalten. Der Außenspiegel hat aber auch eine Menge Nachteile:
- Der tote Winkel: Selbst der Blick in beide Spiegel – innen und außen – kann ihn nicht verhindern. Deshalb erfordern viele Fahrsituationen den zusätzlichen Schulterblick.
- Außenspiegel stellt nicht exakt die Realität dar – Objekte wirken oft weiter entfernt
- Steht im Wind und verschlechtert damit die Fahrzeugaerodynamik – erhöhte Spritkosten
- Positionierung und Größe der Spiegel bietet „beste Voraussetzungen“ zum Abbrechen oder zum Zerkratzen, vor allem, wenn es eng wird
Fahrzeugdynamik im Fokus
Der Verband der Automobilhersteller hat 2014 bei seinem Antrag zur Abschaffung des Außenspiegels bei der Verkehrssicherheitsbehörde der USA vor allem den Aspekt der Aerodynamik in den Mittelpunkt gestellt. Nach deren Berechnungen würde ein Fahrzeug etwa 0,1 bis 0,3 Liter Sprit sparen auf 100 Kilometern.
Neben diesem Argument können Kamera und Bildschirm übrigens auch bei den anderen oben aufgelisteten Nachteilen des Außenspiegels gegensteuern:
- moderne Kamerasysteme bieten einen vollständigen Rundumblick – toter Winkel wird verringert oder verschwindet komplett
- hochwertige Bildauflösung
- mehr Freiheiten für die Fahrzeugdesigner: Verbesserung der Aerodynamik im Bereich der (ehemaligen) Außenspiegel und im Bereich der Heckscheibe, da sie ebenfalls nicht mehr für den Blick nach hinten benötigt wird.
- CO2-Ausstoß kann um 1 bis 1,5 Gramm pro Kilometer verringert werden
- Nachts viel bessere Sicht: keine Blendung, leichteres Rangieren und Abschätzen von Abständen
Zudem verringern sich bei fehlendem Rückspiegel die Windgeräusche und die Sicht nach hinten bleibt auch bei verschmutzten Scheiben erhalten, was die Sicherheit beim Fahren erhöht. Allerdings muss man bei der freien Sicht bedenken, dass die Außenkamera auch allen äußeren Wettereinflüssen ausgesetzt ist. Alles, was sich auf der Linse befindet, wirkt sich also auch auf die Bildqualität aus.
Ein weiterer Vorteil des Kamerasystems gegenüber dem Außenspiegel besteht wiederum darin, den Fahrer bei einem potenziellen Zusammenstoß warnen zu können.
Gewöhnungsbedürftige Blickrichtung bei fehlendem Außenspiegel
Wir haben den Blick in den Außenspiegel so verinnerlicht, dass eine Umstellung zunächst etwas befremdlich sein könnte. Zu Beginn wird der Kopf sicher intuitiv nach links gehen vor dem Überholen, eben wie ein Reflex. Das wird sich mit der Zeit jedoch schnell ändern, vor allem, wenn man die Vorteile gegenüber der Sicht über den Außenspiegel erkennt und in den Genuss weiterer komfortabler Kamera-Funktionen kommt.
Befremdlich ist zu Beginn sicherlich auch der Anblick des Autos ohne Außenspiegel. Denn obwohl das Fahrzeugteil eigentlich den harmonischen Karosserieverlauf unterbricht, wird es nicht als Unterbrechung empfunden. Eben weil die Rückspiegel dazugehören zum Gesamtpaket Auto.
Kamera schon lange im Auto etabliert
Rückfahrkameras sind schon seit vielen Jahren Standard. Sie bieten nicht nur mehr Komfort beim Einparken, sondern auch mehr Sicherheit. Doch auch die Ausstattung mit zusätzlichen Kameras an den Seitenspiegeln ist nicht neu und bei vielen in den letzten Jahren erschienenen Fahrzeugen inklusive.
Bei BMW ist all das in ConnectedDrive enthalten. Der Parkassistent von ConnectedDrive bietet z.B.:
- Rückfahrkamera mit Weitwinkelobjektiv – Bilder sind auf dem Control Display sichtbar
- Interaktive Spurenlinien – Möglichkeit zum Einparken testen
- Unterstützung bei Gangwahl, Lenkung, Bremsen und Beschleunigen
Mit Surround View gibt’s außerdem einen 270-Grad-Panoramablick. Dies wird einerseits über Kameras an den Außenspiegeln, andererseits über die Rückfahrkamera sowie Kameras an der Fahrzeugfront realisiert.
Bisher hat sich die Kamera-Technik allerdings fast immer auf die Seitenspiegel-Ergänzung beschränkt. Bis die Kamera als Ersatz für den Außenspiegel einspringt und ihn damit überflüssig macht, dürfte jedoch nicht mehr viel Zeit vergehen. Wie das aussehen kann, präsentierte BMW übrigens schon 2016 beim BMW i8.
BMW Auto ohne Außenspiegel
BMW hat bislang nur wenige Modelle ohne klassische Außenspiegel vorgestellt, und dabei handelt es sich in der Regel um Konzeptfahrzeuge oder spezielle Prototypen:
BMW i8 Mirrorless (Prototyp)
Das bekannteste BMW Auto ohne Außenspiegel ist der BMW i8 Mirrorless. Dieses Fahrzeug wurde 2016 auf der Consumer Electronics Show (CES) präsentiert. Statt der herkömmlichen Außenspiegel sind an diesen Positionen kleine Kameras auf Trägerarmen angebracht. Eine zusätzliche Kamera befindet sich am oberen Rand der Heckscheibe. Die Bilder dieser Kameras werden auf einem Display im Innenraum angezeigt, das an der Stelle des Innenspiegels platziert ist.
Bislang gibt es von BMW keine Serienmodelle ohne Außenspiegel. Die Technik wurde zwar im i8 Mirrorless-Prototyp erprobt, ist aber noch nicht in die Serienproduktion übergegangen, da die rechtlichen Rahmenbedingungen in Europa und anderen Märkten noch nicht abschließend geklärt sind.
2018 hatte BMW angekündigt, dass Kameras statt Außenspiegel erstmals ab 2019 bei Serienfahrzeugen erhältlich sein sollten, z.B. mit der Modellpflege für den BMW 7er. Konkrete Serienmodelle ohne Außenspiegel sind jedoch bis heute nicht auf dem Markt. Dabei waren es gerade die Münchener, die im Jahr 2000 zum ersten Mal ein Auto ohne Außenspiegel konzipierten – mit dem Konzeptfahrzeug Z22.
Immer noch eine Seltenheit auch bei anderen Fahrzeugherstellern
Es gibt zwar einige Serienfahrzeugen mit digitalem Außenspiegel, d.h. einer Kombi aus Kamera und Bildschirm, allerdings ist diese Lösung immer noch eine Nische.
Dazu gehören z.B.:
Audi e-tron (ab Modelljahr 2019)
Audi war einer der ersten Hersteller, der in der Serienproduktion digitale Außenspiegel (Audi Virtual Mirrors) eingeführt hat – allerdings nur als Option und in bestimmten Märkten. Diese Kameras sind anstelle der klassischen Spiegel montiert, und das Bild wird auf Displays im Innenraum übertragen, also ähnlich wie beim BMW Prototypen BMW i8 Mirrorless. Zulassung gab es zunächst in Japan, USA und Südkorea, in Europa war die Verfügbarkeit zunächst eingeschränkt. Inzwischen ist die Technik bei neueren Modellen weiter verbreitet.
Lexus ES und LS (ab 2020)
Lexus bietet in Japan und einigen anderen Märkten bereits Fahrzeuge mit virtuellen Außenspiegeln an. Die Technik heißt dort "Digital Outer Mirrors" und ersetzt die klassischen Außenspiegel komplett.
Mercedes EQS und EQE
Mercedes bietet digitale Außenspiegel als Option an, die Bilder werden auf Displays im Innenraum gezeigt. Auch hier sind sie in bestimmten Märkten verfügbar, in Europa ist die Zulassung inzwischen erfolgt.
ADAC warnt: Digitale Außenspiegel bieten noch keinen optimalen Ersatz zum herkömmlichen Außenspiegel
Laut ADAC bieten digitale Außenspiegel zwar Vorteile wie verbesserte Aerodynamik und reduzierte tote Winkel, bringen jedoch auch einige Herausforderungen mit sich, z.B. beim Sichtfeld.
Folgende Probleme sind bei den neuen Seitenspiegeln besonders relevant:
Anfälligkeit für Schäden
Die außen angebrachten Kameras sind oft exponiert und bei geringsten Kollisionen gefährdet. Ein leichter Kontakt mit einem Poller kann ausreichen, um die empfindlichen Kamerasysteme zu beschädigen. Oft ist ein vollständiger Austausch der Kameraeinheit, einschließlich Linse, Sensor und Gehäuse, erforderlich, was mit hohen Kosten verbunden ist.
Eingeschränkte Tiefenwahrnehmung
Die Darstellung auf den Displays bietet eine eingeschränkte Tiefenwahrnehmung, was die Entfernungseinschätzung erschwert. Das kann insbesondere in komplexen Verkehrssituationen problematisch sein.
Positionierung der Displays
Die Displays in der Türverkleidung sind oft ungünstig positioniert. Es fehlt die Möglichkeit, das Sichtfeld durch Verändern der Kopfposition zu vergrößern, was die Sichtbarkeit beeinträchtigen kann.
Sichtbeeinträchtigung für Brillenträger
Für Brillenträger bergen die Systeme zusätzliche Risiken, da Reflexionen und Blendungen auf den Displays die Sicht beeinträchtigen können.
Fazit zur Kamera statt Außenspiegel
Obwohl digitale Außenspiegel innovative Lösungen bieten, sind sie noch nicht ausgereift. Die genannten Probleme, z.B. zum Sichtfeld, sollten berücksichtigt werden, bevor man sich für ein Fahrzeug mit dieser Technologie entscheidet.
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